Narrensprünge sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Narrensprünge sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

(Ein paar Gedanken zu Narrensprüngen und Brauchtum von unserem Zunftmeister)

Mal ganz abgesehen von der Riesengaudi hinter der Maske, dem Strählen, den Guezle, dem Necken der Zuschauer und den Narrenrufen, sind Narrensprünge doch viel mehr als nur den Umzugsweg abzulaufen und danach in irgend ein Zelt oder eine Halle zu latschen.

Narrensprünge sind ein Teil des Gesamtbildes der schwäbisch-alemannischen Fasnet, welches wir mit Würde repräsentieren und nach außen tragen sollten.

Aufgrund meiner Ansichten bzgl. der Fasnet wurde ich schon als alles Mögliche bezeichnet. Ewig-Gestriger, Hardliner, Spielverderber, Spaßbremse und mehr, was mir als Zunftmeister ehrlich gesagt herzlich egal ist. Meine Aufgabe ist die Bewahrung unserer Zunft, der ursprünglichen Gedanken und Ziele dahinter und dem Brauchtum ansich.

Natürlich muss die Fasnet auch ein bisschen mit der Zeit gehen, das bedeutet aber in keinster Weise, dass man das eigentliche Brauchtum verwässern oder zum reinen Wohlgefallen von modernen Ansichten gänzlich aufweichen sollte. Sicherlich ist dabei Fingerspitzengefühl notwendig, aber nichtsdestotrotz sollte die Bewahrung der Kultur, des Brauchtums und einzelner Traditionen immer das vornehmlichste Ziel bleiben.

Sodelle. Weiter geht’s! Jetzt drehen wir die Reihenfolge des Titels doch gleich mal um!

Narrensprünge sind Zukunft.

Wenn wir an Zuschauer denken, kommen uns Allen doch eigentlich die fröhlichen, neugierigen oder auch ängstlichen Kinderaugen in den Sinn, die uns in den Narrensprüngen entgegen sehen. Die Antwort auf unsere Narrenrufe und das Verteilen von Guezle sind aber nicht das Einzige, was wir den Kindern und damit auch dem, was wir so gerne “Narrensamen” nennen, vermitteln und weitergeben.

In erster Linie sollten wir den Kindern zeigen, dass wir gute Narren sind und dass, sieht die Maske noch so grauslig aus, dahinter ein freundlicher Narr steckt, der immer den Grundsatz “Jedem zur Freud’ und niemand zu Leid!” in bester Weise vertreten sollte.

Wie wir uns im Umzug verhalten, prägt das Bild welches die Kinder, und damit die Narren von morgen, von uns als Brauchtums- und Traditionswächter bekommen und das wirk meist für den Rest des Lebens. Wie sagt man so schön: Der erste Eindruck ist der Wichtigste.

Wir hatten auch schon einen Umzug an dem eine der neuen “perchtenartigen” Zünfte direkt vor uns war und wir aufgrund des Verhaltens und der grausigen Masken der Zunft weinende Kinder mit Fröhlichkeit und Guezle aufmuntern mussten. Das ist nicht Sinn der schwäbisch-alemannischen Fasnet und eigentlich sind solche Häser hier genaugenommen auch fehl am Platz.

Leider wird auch, während es Kinder mitbekommen, zu sehr von einigen Wenigen über die Stränge geschlagen und diese Wenigen prägen dann ein falsches Bild unseres schönen Brauchtums. Dabei haben wir es in der Hand mit den Kindern die Ansichten und Liebe zur Fasnet in den kommenden Generationen zu prägen.

Und damit springen wir in den nächsten Abschnitt.

Narrensprünge sind Gegenwart.

Beim Vorgenannten kommt es dann auch nicht von ungefähr, dass die Fasnet bei der breiten Masse und außerhalb der Narrenzünfte oft den Eindruck eines einzigen Zieles erweckt: Saufgelage.

Das hängt aber, zugegebenermaßen nicht nur an den Narren, sondern auch an äußeren Einflüssen und einem geänderten Partyverhalten, welchem wir alle entgegenwirken sollten und können.

Dabei sind in der Gegenwart vor allem junge Mädels oft die bevorzugten Ziele, bei denen eine sehr geringe Anzahl an Narren, die meiner Meinung die Ausnahme darstellen, sehr über die Stränge schlägt, was dann dazu führt, dass der Ruf vor allem von Hexenzünften sehr leidet. Wir alle wissen, welche seltsamen Dinge in der letzten Zeit Einzug in die Fasnet gehalten hat. Von Christbaumnetzen, über Pyrotechnik, bis zu komplett geklauten Schuhen und Socken, bis hin zu Anzüglichkeiten, die inakzeptabel sind. Das kann man gerne anders sehen, aber das alles gehört halt eigentlich nicht in die schwäbisch-alemannische Fasnet.

Immer öfter merke ich, dass jugendliche Mädchen schon eine gewisse Grundangst haben, wenn ich im Hexenhäs im Umzug auf sie zulaufe. Meist ist die Überraschung groß, wenn man dann nur eine Runde mit ihnen hüpft, tanz oder einfach nur ein bisschen strählt. Auch die freuen sich über a Guezle und schon ist der schlechte Ruf der Hexen wieder ein bisschen gerade gerückt. Das sollten vor allem viele Hexenzünfte wieder viel mehr beherzigen, anstatt sich mit den Mädels auf dem Boden zu wälzen. Nebenbei ist unser Häs in aller Regel sehr stabil. Die Kleidung der Mädels allerdings weniger.

Und wir wissen auch, dass Alkohol und Feiern schon immer ein Teil der Fasnet war, allerdings gilt auch hier wieder, dass man alles in Maßen halten sollte und vor allem geht “sturzbetrunken mit Kontroll- und Benimmverlust im Häs” gar nicht.

Auch hier sollte man wieder an den guten alten “Jedem zur Freud’ und niemand zu Leid!” denken. Für diesen Satz kann man den Rottweiler Narren eigentlich nur für ewig dankbar sein, denn besser könnte man die Grundregel einer jeder Fasnet nicht ausdrücken.

Nun springen wir zu dem Teil, der mir persönlich sehr am Herzen liegt.

Narrensprünge sind Vergangenheit.

Und damit meine ich nicht, dass sie der Vergangenheit angehören, sondern dass Narrensprünge lebendige Erinnerungen sein können.

Narrensprünge sind großartige Erinnerungen für alle älteren Zuschauer und Narren am Strassenrand. Viele ältere Narren können nicht mehr mitspringen oder sind vor langer Zeit aus einer Narrenzunft aus irgendwelchen Gründen ausgeschieden.

Unsere älteren Zuschauer sorgten für mich in den letzten Jahren oft für die herzigsten Momente während Narrensprüngen. Oft wenig beachtet, blühen viele auf, wenn man mit Ihnen redet, ein bisschen mit den älteren Damen schäkert, a Späßle macht oder den Älteren genau so wie den Kindern a Guezle oder etwas anderes schenkt.

Viele der Älteren haben noch die Fasnet in einer viel weniger “partygeprägten” Form kennengelernt und man sieht das freudige Funkeln in ihren Augen und ihrem Lächeln, wenn man sie mit einbezieht und alte Erinnerungen an die Fasnet in ihnen weckt.

Freudentränen sind nicht selten und eine der schönsten Belohnungen während einem Narrensprung für mich, denn dann merke ich:

Fasnet berührt die Seele!

Danke fürs Lesen.