Gedanken zum Ende der Fasnet 2026.
Ich bin in der Tradition der schwäbisch-alemannischen Fasnet aufgewachsen, genauer gesagt war meine Jugend geprägt von den Bräuchen der Saulgauer Dorauszunft. Als Erwachsene in Ulm habe ich den Anschluss an diese Tradition verloren, bis mich mein heutiger Zunfti vor acht Jahren mit auf einen der Ehinger Fasnetsbälle genommen hat.
Der Moment, als die Ehinger Narren zu Beginn des Balls in die Halle eingesprungen sind, wie der ganze Saal in diesen ersten Minuten miteinander gesungen, geschunkelt und getanzt hat, die Fröhlichkeit und Lebendigkeit, die den Raum erfüllte, das alles war für mich eine Art Fasnets-Wiederbelebung. Mir liefen die Tränen übers Gesicht und meinem Kopf war nur ein Gedanke:
„So sieht der Friede aus!“
Als ich das einige Tage später einem damaligen Kollegen erzählte, erntete ich lautes, spöttisches Gelächter. Die Fasnet (so seine Meinung) sei nichts anderes als ein Freifahrtschein, um sich sechs Tage lang hemmungslos zu betrinken, sämtliche Grenzen guten Benehmens zu übertreten und sich aufzuführen wie eine offene Hosenfalle.
Seit vier Jahren nun bin ich selber Zunftmitglied und wenn ich das irgendwo erwähne, ernte ich in der Regel den gleichen Spott und zusätzlich irritierte Blicke und vorsichtige Nachfragen, bei denen man zwischen den Zeilen sehr deutlich heraushören kann, dass man mir solch ein „primitives Hobby“ nicht zutrauen würde. Noch ungläubigere Blicke kommen, wenn ich sage, dass ich in der Fasnet so gut wie nichts trinke.
Leider ist es meistens so, dass sich meine Gesprächpartner/innen ab dieser Stelle nicht mehr die Mühe machen, mir zuzuhören oder nachzufragen:
Warum machst du das?
Was gefällt dir daran?
Wie, es gibt noch andere Dinge, außer dem Saufen?
Ja, es gibt leider genügend Menschen, die die Fasnet wirklich zur grenzenlosen Selbstabfüllung nutzen, die übergriffig werden und dieses Verhalten dann mit „Tradition“ legitimieren und verharmlosen. Das ist ein Problem und darüber müssen wir mehr sprechen.
Allerdings macht man es sich als Außenstehende/r zu leicht, sich mit Spott und Herablassung zu positionieren, wenn man nur mit Abstand auf die Oberfläche schaut und gar nicht erst versucht, genauer hinzusehen.
Diesen Spöttern sei gesagt: Ja, es ist richtig, Saufgelage ohne Sinn und Verstand abzulehnen! Jedoch hat die Fasnet den „Anspruch auf Alkoholmissbrauch“ nicht für sich gepachtet. Alkohol ist leider als völlig gesellschaftsfähige Droge überall anerkannt und Übergriffe gibt es mit oder ohne Alkoholeinfluss das ganze Jahr: Beim Oktoberfest, bei jedem Dorffest, am Schwörmontag, rund um jedes Fußballspiel oder zu Hause, in den eigenen vier Wänden, wo es keiner sieht.
Doch zwei Dinge können gleichzeitig wahr sein. Ich kann das oben Genannte ablehnen und die Fasnet trotzdem lieben. Warum?
Viele Narren – eine Fasnet.
Ich sehe, wie sich Menschen in Zünften engagieren, um anderen die Teilnahme an der Fasnet zu ermöglichen oder ihnen eine schöne Zeit zu schenken. Da sind die, die in ihrer Freizeit Häser nähen, Masken bemalen, sich Darbietungen für Bälle und Brauchtumsabende überlegen und einstudieren, die Dörfer und Städte schmücken, sich an der Organisation von Narrensprüngen beteiligen und die, die Verantwortung in einer Zunft übernehmen. Die Fasnet lebt von den Menschen, die sie tragen. Das geht nur gemeinsam.
In der Fasnet begegnen sich Menschen, die sich im normalen Leben vielleicht nicht treffen würden. Es ist egal, ob du als Führungsperson in einem Dax-Konzern oder an der Supermarktkasse arbeitest. Es spielt keine Rolle, ob du alt oder jung, groß, klein, dick, dünn, gesund oder krank bist, Auf einem Umzug habe ich dieses Jahr eine Musikkapelle gesehen, in der ein Mädchen mit Down-Syndrom mitgespielt hat. So geht gelebtes Miteinander.
Wo man singt, da lass dich ruhig nieder. Böse Menschen haben keine Lieder.
Ein ganz wesentliches Element der Fasnet ist für mich:
Wir singen gemeinsam!
Wer noch nie eine Halle voller Menschen erlebt hat, die gemeinsam aus voller Kehle und mit Begeisterung singen, hat wirklich etwas verpasst! Es wird geschunkelt, getanzt und gelacht. Wir verbringen eine gute Zeit miteinander, freuen uns aneinander. Das alles hat nichts mit Primitivität zu tun, es geht um Leichtigkeit und Lebensfreude. Wir nehmen an den Bräuchen der anderen teil, feiern Darbietungen auf der Bühne. Sobald auf einem Brauchtumsabend die ersten Takte von „Fantasy Girl“ erklingen, findet sich mindestens die Hälfte der Anwesenden in Reihen vor der Bühne wieder, um gemeinsam Freestyle zu tanzen, oder sich beim „Bobfahrerlied“ auf den Boden zu setzen. Ihr habt „oben gute Laune”? Eine ganze Halle tanzt und singt! Nur ein Takt von „Die Fischerin vom Bodensee“ und keine zehn Sekunden später bildet sich eine Polonaise durch den Raum. Nicht nach Zunft getrennt, sondern alle zusammen. Viele Narren – eine Fasnet.
Jedem zur Freud – niemand zu Leid.
Wir wünschen uns während der Fasnet zum Abschied stets “eine Glückselige!“. Das bedeutet nichts anderes, als dass ich meinem Gegenüber das Beste wünsche. Eine gute Zeit, mit Freude und Lachen. Mit Fröhlichkeit im Herzen und der Möglichkeit, für einen Abend oder einen Nachmittag den Alltag hinter sich zu lassen. Alles was mich an privaten Themen oder großen geopolitischen Sorgen belastet: in der Fasnet finde ich immer wieder den Raum, um kurz abzuschalten, durchzuatmen und für mein seelisches Gleichgewicht zu sorgen.
Wenn ich im Häs durch die Stadt laufe, erlebe ich es oft, dass mir Menschen entgegen kommen, die erst irritiert schauen, und denen dann aber ein Lächeln über das Gesicht huscht. Ich kann mit wenig Aufwand für einen kurzen Moment den Tag einer anderen Person etwas heller machen. Das ist das Glück und die Seligkeit der Fasnet.
Nein, das soll keine Aufforderung sein, dass ab jetzt jeder Mensch für seine psychische Gesundheit auf die Fasnet gehen soll. Aber vielleicht eine Einladung, einen Perspektivwechsel zu wagen, bevor man die Fasnet als primitives Brauchtum abwertet. Auch, wenn man zusätzlich bedenkt, dass die schwäbisch-alemannische Fasnacht seit 2014 immaterielles Weltkulturerbe der Unesco ist.
„Jedem zur Freud, niemand zu Leid“ ist ein Motto, das, wenn wir es alle mehr im Alltag leben würden, die Welt zu einem besseren Ort machen würde. Davon bin ich überzeugt. Sehen das alle Narren so? Vermutlich nicht. Aber ich wünsche mir, dass immer mehr die Fasnet in diesem Geist leben und verbreiten. Denn ich bleibe dabei und sage mit voller Überzeugung:
So sieht der Friede aus!
Geschrieben von unserem 3. Vorstand: Julia Dorn.